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Die Flussperlmuschel

Eine wichtige Leitart des Life-Projektes ist die Flussperlmuschel. Diese Süßwassermuscheln sind in sommerkühlen, sauerstoffreichen und organisch unbelasteten Mittelgebirgs- und Niederungsbächen in kalkarmen Gebieten anzutreffen. Die Muschel ist sehr empfindlich gegenüber Schwankungen der Umweltfaktoren. Die Art wird in unseren Breiten bis zu 100 Jahre alt und erreicht ihre Geschlechtsreife erst etwa ab dem 15. Lebensjahr. Wie bei allen Großmuschelarten ist die Vermehrung eng an die Existenz bestimmter Wirtsfischarten gebunden, an deren Kiemen sich die Muschellarven (Glochidien) als Parasit eine Zeit lang festheften. Als Wirtsfisch nutzen Flussperlmuscheln die Bachforelle. Die Muschellarven werden in den Monaten Juli/August ausgestoßen und vom Wasserstrom verdriftet. Sofern sie von Forellen mit dem Atemwasser aufgenommen werden, heften sie sich an deren Kiemen. Die Verwandlung zur eigentlichen Jungmuschel erfolgt im April/Mai des darauf folgenden Jahres. Im Juni lassen sich die Jungmuscheln dann von den Kiemen abfallen und graben sich im Sediment des Gewässers ein. Hier leben sie bis zum vierten oder fünften Lebensjahr und erscheinen anschließend an der Substratoberfläche. Sie sind dann etwa 15 bis 20 mm groß.

Die Flussperlmuschel hat im Perlenbach-Fuhrtbachtal ihr letztes Vorkommen in ganz Nordrhein-Westfalen.

Geschichte der Flussperlmuschel im Perlenbach-Fuhrtsbachtal

Mit einer winzigen Population von weniger als 20 Individuen leben die letzten noch erhalten gebliebenen Flussperlmuscheln im Perlenbach-Fuhrtsbachtal. Um 1900 hat es zum Vergleich schätzungsweise noch ca. 1 bis 1,5 Mio. Tiere im Perlenbach und in der Rur gegeben. Heute gilt die Flussperlmuschel in der Rur als ausgestorben. Die Population im Perlenbach-Fuhrtsbachtal ist stark überaltert. Die Tiere haben inzwischen ein Alter von 60 bis 70 Jahren. Es fehlt an Jungmuscheln. Der Rückgang der Flussperlmuschel-Bestände ist nicht nur im Kreis Aachen, sondern auch deutschlandweit massiv festzustellen. Vielerorts ist die Flussperlmuschel bereits ausgestorben.

Über die ehemaligen Muschelvorkommen in der Eifel und anderswo ist man deshalb so gut informiert, weil sich in den Muscheln hin und wieder Perlen finden (ca. in jeder 2000sten Muschel eine Schmuck-Perle). Zur Sicherung dieser Kostbarkeiten wurden von den adeligen Herrschern bereits früh entsprechende Gesetze, so genannte Perlregale, erlassen. Diese Gesetze erlaubten nur ihnen, die Muscheln zu befischen und somit Perlen zu züchten und zu ernten. Nach dem Einmarsch von Napoleon ins Rheinland wurden diese Gesetze abgeschafft.

Gefährdung

Durch die Aufhebung des Perlregales begann ein unsachgemäßer Raubbau in den Perlmuschelgewässern, aber erst durch die Intensivierung der Landnutzung und den Bau von Talsperren wurden die Lebensräume für die Flussperlmuschel und ihre Wirtsfischarten dramatisch verschlechtert.

Als Hauptproblem ist heute jedoch der Eintrag von Feinsedimenten zu nennen, die den Bachboden regelrecht verschlämmen. Diese Einträge kommen im Bereich des Perlenbaches bisher v. a. durch den militärischen Übungsbetrieb im Quellbereich des Perlenbaches (auch Schwalm genannt) in die Gewässer. Daneben sind aber auch die unsachgemäße Räumung von Straßengräben und eine intensive land- wirtschaftliche Nutzung zu nennen. Bei der Landwirtschaft stammen die Einträge von überbeweideten und überdüngten Flächen. Werden die Fließgewässer nicht abgezäunt fördert das Weidevieh auch die Ufererosion. Die Pflanzung von Fichtenmonokulturen wirkt ebenfalls erosionsfördernd und hat in den Bachauen ökologisch bedeutsame Auenwälder und -wiesen zerstört.

Schutzmaßnahmen
Im Life-Projekt stehen Maßnahmen zur Verbesserung des Lebensraumes für die Flussperlmuscheln im Vordergrund. Hierzu zählen:

  • Minimierung von Nährstoff- und Feinsedimenteinträgen z.B. durch Bachauszäunungen, Extensivierung von landwirtschaftlichen Flächen und Befestigung von Furten
  • Wiederherstellung der Gewässerdurchgänigkeit durch Beseitigung von Wanderbarrieren
  • Entwicklung von Gewässerabschnitten mit kiesigem bis fein-schottrigem Sediment und mit guter Sauerstoffversorgung durch Reinigung des Sohlsubstrates

Weiterhin finden derzeit auf dem Gelände des Truppenübungsplatzes Elsenborn (Belgien) durch die dort zuständige Forst- und Standortverwaltung zusätzlich umfangreiche Maßnahmen zur Minimierung von Trübstoffeinträgen statt. Als Beispiel ist hierbei die Anlage von mehr als 100 Sedimentationsbecken zu nennen, die den Eintrag von Feinsedimenten in den Perlenbach und Fuhrtsbach vermeiden.

Im Rahmen eines Artenschutzprojektes der Biologischen Station im Kreis Aachen wird versucht, die Flussperlmuschel durch bestandsschützende Maßnahmen zu erhalten und längerfristig wieder zu vermehren. Dieses Projekt wird von der NRW-Stiftung unterstützt.

 
 
Steckbrief  
lat. Name: Margaritifera margaritifera

Lebenszyklus/Biologie

1. Alttiere:

Phänologie: Fortpflanzungszeit Juni-August

Lebensdauer: 70-100 Jahre (max. 130 Jahre)

In kälteren Klimaregionen erreicht die Flussperlmuschel aufgrund des verlangsamten Stoffwechsels ein Höchstalter von 130 Jahren. In unseren Breiten erreichen sie im Optimalfall „nur“ ein Alter von 80 – 100 Jahren, in Spanien werden sie nur 30 - 40 Jahre alt.

Reproduktion: getrenntgeschlechtlich

Aufenthaltsort: am Gewässerboden

Ernährung: aktive Filtrierer (~ 30 l / Tag)

Flussperlmuscheln haben als Filtrierer eine wichtige Reinigungsfunktion. Sie ernähren sich von winzigen organischen Teilchen, die sie aus dem Wasser filtrieren. Dadurch leisten sie einen erheblichen Beitrag zur Sauberhaltung der Fließgewässer. Ist der Anteil            an organischer Nahrung im Wasser zu gering und der Anteil nicht verwertbarer Bestandteile zu groß (Sand und ähnliches), müssen die Muscheln sehr viel Wasser filtrieren, um ausreichend organische Nahrung zu gewinnen, d.h. sie verbrauchen mehr Energie für die Nahrungsaufnahme als sie durch die Nahrung an Energie gewinnen. Ist das dauerhaft der Fall, verhungern die Flussperlmuscheln.

Mobilität: weitgehend ortstreu, i. d. R. nur geringe Wanderungsbewegungen, bei Bedarf können sie aber nach O. Baer bis zu 1 m am Tag zurücklegen.

2. Eientwicklung:

Entwicklungsdauer: 8 Wochen

Entwicklungsort: in den Bruttaschen (Marsupien) der Kiemenblätter der weiblichen Muscheln, Ausstoßung der geschlüpften Glochidien in Wasser

3. Glochidien (Muschellarven)

Habitus: Größe ca. 0,05 mm

Phänologie: Schlupfzeit der Larven ab Juli bis September

Entwicklungsdauer: bei uns knapp 1 Jahr

Aufenthaltsort: entwickeln sich parasitisch in den Kiemen von Wirtsfischen, als Wirtsfisch kommt bei uns derzeit nur die Bachforelle (Salmo trutta f. vario) vor, früher auch Lachs (Salmo salar)

4. Jungtiere

Entwicklungsdauer: 15-20 Jahre bis zur Geschlechtsreife

Ernährung: zunächst evtl. Detritus (abgestorbene organische Substanz) und Bakterien, ab 2. Lebensjahr aktive Filtrierer

Jahreszuwachs: durchschnittlich 1 - 1,5 mm /Jahr

Da der Zuwachs im Winter dunkler als im Sommer ist, bilden sich ähnlich wie bei den Laubbäumen Jahresringe, mit denen Altersbestimmungen möglich sind.

Populationsbiologie:

Populationsdichte: 0,1-50 Ind./m² (Portugal)

Geschlechterverhältnis: 1:1 (Weibchen : Männchen)

Sterberate: Ei-Jungmuschel: 99,99%, Jungmuschel-Altmuschel: ~95%, Altmuschel: jährlich 1,05-6%

Lebensraum:

Sommerkühle und sauerstoffreiche Fließgewässer, die kalk- und nährstoffarm sind

Die Flussperlmuschel ist ein guter Indikator für Fließgewässer mit hoher biologischer Güteklasse. Sie haben dabei besonders hohe Ansprüche an das Sohlsubstrat.

 Gefährdung:

- intensive Land- und Forstwirtschaft in Gewässernähe
- Umwandlung von bachnahen Grünlandstandorten in Fichtenmonokulturen
- Bau von Talsperren, dadurch Verhinderung von genetischem Austausch zwischen Wirtsfischarten
- sämtliche Maßnahmen, die zum Eintrag von Trübstoffen in die Gewässer führen

Status: europaweit als so genannte FFH-Art geschützt (Anh. II), letztes  Vorkommen in NRW

 Projekte u. Maßnahmen zum Schutz der Flußperlmuschel in der Eifel:

- Artenschutzprojekt „Flussperlmuschel“
- Life-Projekt „Lebendige Bäche in der Eifel“
- Naturschutzmaßnahmen auf dem militärischen Übungsplatz Elsenborn (Belgien)

Glochidium (Muschellarve)
(Bildautor: Reinhard

Fast reife Larven in den Kiemen einer Bachforelle
(Bildautor: Reinhard